Colin Self: Irgendwo zwischen Wahnsinn und Genialität

Sonntagabend in einem grossen Supermarkt. Es wird gedrängelt und geschubst, die Gemüter sind erhitzt. Vor dem Weg nach Hause möchte ich mir noch kurz etwas zu Essen kaufen und möchte dabei neue Musik hören. Musik von einem Herren, auf den ich per Zufall gestossen bin: Colin Self. Ohne jegliche Vorahnung auf das was mich erwartet, drückte ich PLAY und merke, wie mein Herz schneller zu schlagen beginnt. Wirre elektronische Klänge, halb hypnotisierend halb aufputschend, überfordern und schmeicheln mein Gehör zugleich. Mein Gang wird schneller, meine Hände beginnen zu schwitzen und ich will nur noch raus aus diesem Getümmel. Draussen angekommen, drücke ich auf PAUSE und gib mir einen Moment, um runter zu fahren. Doch gleichzeitig wächst eine enorme Neugier. Was zur Hölle habe ich da gerade gehört?

Girl Power und Gender Fluidity

Was bei einer kurzen Recherche im Internet schnell klar wird: Dieser blondhaarige Typ sprüht nur so vor Kreativität. Colin Self produziert nicht nur seine eigene Musik, sondern ist auch Choreograf, Tänzer, Performance-Künstler, Sänger und Teil des Drag-Kollektivs «Chez Deep». Zusammen mit seinen drei Schwestern wächst der gebürtige Amerikaner in einer ländlichen Gemeintschaft im amerikanischen Oregon auf. Schon früh spielt er mit Geschlechterrollen, sieht sich als Weirdo der Familie und bezeichnet seine Kindheit als «Ort, an dem viel Vorstellungskraft gefragt war». Seine Eltern unterstützen ihn bei sämtlichen Vorhaben, auch sein Outing nehmen sie ohne Probleme in Kauf. «Es wirkte fast so, als wollten meine Eltern unbedingt einen schwulen Sohn», meint der queere Musiker lachend dazu.

Inspiration findet er vor allem bei lärmigen Emo-Shows, die er als Teenager oft besucht, auch Girl Power spielt bei ihm eine grosse Rolle. So entwickelt Self Schritt für Schritt seinen ganz eigenen Stil, veröffentlicht einen beeindruckenden Mix namens «Don’t Fuck With Women» und merkt, dass zum Musikmachen weit mehr gehört als ein Mikrofon und Mischpult. Seine Live Shows sind kunstvoll, sein Talent spricht sich schnell herum und dann kommt es zur Sensation: Radiohead werden auf den Newcomer aufmerksam und nehmen ihn mit auf Tour. Ein wichtiger Meilenstein in der Karriere von Self.

colinself

Im Kampf gegen Schubladen

Weiter geht es dann Ende November mit der Veröffentlichung seines Debütalbums «Siblings». Die Kritiken zum Erstling von Self, der mittlerweile in Berlin und New York wohnt, sind hervorragend und der 32-Jährige wird als Visionär gefeiert. Das überrascht auch nicht, denn jeder einzelne Track ist ein Hinhörer: Mal tönt’s wie ein verruchter Keller-Rave («Stay With The Trouble»), dann wie eine dramatische Heldengeschichte («Survival») und im nächsten Moment nach einer Mission zum Mars («Emblem»). Was alle elf Songs aber verbindet ist der Mut, die bestehenden Grenzen zu sprengen und unkonventionelle Methoden im Entstehungsprozess anzuwenden. Ohne jegliche Angst bastelt er mit verzerrten Loops von Menschenstimmen herum, säuselt unverständlich ins Mikrofon und produziert experimentelle Beats, die die Wände fast zum Krachen bringen. Durch die enorme Abwechslung des Albums wirkt das Ganze aber nie erschlagend oder zu gekünstelt, sondern ist eine ideale Mischung aus laut und leise, aggressiv und sanft oder neuartig und vertraut.

Aber wo ordnet man die Musik von Colin Self denn schlussendlich ein? Nirgends wirklich – und das ist genau das Schöne daran. Was er bietet ist elektronische Kunst und ein aufregendes Klangerlebnis, Genres oder Schubladen braucht es da nicht. Und das kommt dem einzigartigen Künstler durchaus entgegen, denn bereits in einem Interview mit Milk hat er gemeint: «Alle lieben Schubladen und die Mentalität von Komm-wir-definieren-dich-jetzt. Aber das ist gefährlich und problematisch, denn die Gesellschaft und Technologie verändert sich rasend schnell – darum tue ich das auch.»

 

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