Neneh Cherry: Melancholie hat noch nie fresher getönt

Es gibt Stimmen, die man einmal hört und nie mehr vergisst – und Neneh Cherry besitzt in meinen Augen genau eine solche. Schon während meiner Kindheit war ich von ihren leicht melancholischen Hits wie «Manchild» oder «Woman» angetan und bereits nach den ersten Tönen stellten sich die Nackenhaare auf.

Nachdem es in den letzten Jahren ruhig um die schwedische Künstlerin geworden ist, meldet sie sich nun mit einer brandneuen Scheibe zurück: «Broken Politics» (Veröffentlichung: 19. Oktober 2018) heisst sie und beweist, dass Cherry auch nach 30 Jahren im Musikbusiness noch weiss, wie der Hase läuft.

Smoother Soul trifft auf experimentelle Beats

Wer nun glaubt, dass die Sängerin mit ihrem fünften Album auf Altbewährtes setzt, irrt sich gewaltig: Auch mit ihren stolzen 54 Jahren wagt Cherry etwas Neues und hat sich niemand Geringeren als den Avant-Garde-Produzenten Four Tet ins Boot geholt. Mithilfe der Symbiose von seinen experimentellen Beats und ihrer souligen Stimme, wird ein erfrischender Sound kreiert, der so ziemlich alles von Trip Hop über Soul bis hin zu Electro abdeckt. Um das Ganze dann noch ein bisschen experimenteller zu gestalten, hat auch Massive Attack-Mitbegründer Robert 3D Del Naja bei einigen Songs («Kong») seine Finger im Spiel gehabt. Oder kurz gesagt: Die Voraussetzungen für ein spannendes Indie-Projekt könnten nicht besser sein!

«Wer hat schon die verdammten Lösungen?»

«Broken Politics» überzeugt aber nicht nur klangmässig, sondern auch inhaltlich: Mit klaren Worten adressiert Cherry aktuelle Probleme wie die Waffenpolitik («Shotgun Shack») oder singt von bitterer Enttäuschung («Deep Vein Thrombosis»). Das überrascht sogar langjährige Fans (wie mich), denn bisher traute sich die Schwedin nur selten an kritische Themen heran. In einem Interview mit Rolling Stone sagt sie dazu: «Ich bin sehr zurückhaltend, wenn es um grosse Themen geht, zu denen ich keine Lösungen habe – aber wer zur Hölle hat die schon? Ich kommentiere alles aus meiner persönlichen Sicht, denn in der heutigen Zeit ist es unumgänglich, seine eigene Stimme zu finden.»

Der perfekte Soundtrack zum Herbst

Zusammenfassend kann man sagen, dass Neneh Cherry mit «Broken Politics» ein solides und spannendes Endprodukt abliefert. Obwohl sie schon über drei Jahrzehnte im Geschäft ist, beweist die mittlerweile 54-Jährige, dass Innovation und Coolness immer noch eine wichtige Rolle in ihrer Arbeit spielen und sie auch ihren Hang zum Melancholischen nicht verloren hat. Denn wie sie selber sagt, ist sie «einfach nicht dafür gemacht, Happy Songs zu schreiben» und driftet schnell ins Bluesige ab.

Mein einziger Kritikpunkt ist es, dass gewisse Tracks zu repetitiv ausfallen und die teilweise fast fünfminütigen Klangkonstrukte locker auf dreienhalb Minuten heruntergebrochen werden könnten, ohne dabei die Kernaussage zu verlieren. Ansonsten ist Cherry’s neuster Wurf aber der perfekte Soundtrack zum Herbst und regt zum Mitwippen und Mitdenken an.

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