Ólafur Arnalds: Mit «re:member» einmal nach Island und wieder zurück

Schliess für einen Moment die Augen und stell dir Island vor. Was siehst du? Eine ferne Welt aus Eis und Stein? Eine öde Landschaft mit endloser Grünfläche? Oder sogar farbenfrohe Nordlichter, die am Himmelszelt tanzen? Falls ja geht es dir wie mir. Denn obwohl ich es noch nie nach Island geschafft habe, trage ich ein klares Bild davon im Kopf herum. Doch wie sieht es aus, wenn du dir den Klang zur isländischen Landschaft vorstellen sollst? Hörst du absolute Stille? Peitschender Wind? Bei mir ist die Antwort schnell gefunden: Ólafur Arnalds!

Grund dafür ist aber nicht seine Heimatstadt Reykjavik, sondern die einzigartige Handschrift seiner Kompositionen: Schwebende Klaviermelodien, sphärische Streichinstrumente und manchmal eine zerbrechliche Stimme – stets kombiniert mit elektronischen Elementen.

Die Software macht Musik

Für sein viertes Soloalbum «re:member» (VÖ: 24. August 2018) hat sich der Isländer dabei etwas ganz Spezielles ausgedacht: Durch die Entwicklung einer intelligenten Software ist es ihm möglich, drei Pianos gleichzeitig zu spielen. Dabei wird nur ein Instrument von Hand angeschlagen und die anderen beiden reagieren dank Midi-Technologie darauf. Daraus resultierend entsteht ein Katz-und-Maus-Spiel, welches die Entstehung von neuen Klangwelten und atemberaubenden Patterns ermöglicht.

Doch ist das überhaupt noch Kompositionskunst, wenn die Technologie involviert und selbständig wird? Arnalds findet schon und erzählt in einem YouTube-Video: „Wenn ich auf diese Art Musik mache, passiert sehr viel Unerwartetes. Aber wenn ein fremdgesteuertes Piano zum Beispiel drei Noten von sich gibt, die mir gefallen, nehme ich diese und verarbeite sie weiter. So tönt es dann, als wären sie mit Absicht in der Komposition gelandet.“

Der Hip Hop-Produzent macht Beats

Die drei Konzertflügel sind Arnalds aber nicht genug: Als Kontrast sind auf seinem Album «re:member» noch ein Streichquartett, ein Synthesizer, ein Schlagzeug und sanfte Electro-Beats zu hören. Diese wurden aber nicht von ihm selbst, sondern von einem isländischen Musikerkollegen namens Bngerboy produziert, welcher sich normalerweise in der Hip Hop-Szene bewegt. Resultat dieser kreativen Collage ist es, dass die Musik von Arnalds schwer in Worte zu fassen ist: Sie schwankt zwischen melancholischem Soundtrack («they sink»), verträumten Clubsound («ypsilon») und poppiger Instrumentalmusik («unfold»).

Das Album macht Spass

Doch lohnt es sich wirklich, Musik zu hören, die von einem Computer beeinflusst wurde? Definitiv! Am Tag der Veröffentlichung habe ich «re:member» an einem Stück durchgehört und war von der ersten Sekunde an gefesselt. Die Zerbrechlichkeit und Schönheit dieses Werkes lässt mir den Atem stocken und von Zeit zu Zeit ertappte ich mich sogar dabei, wie ich eine Träne wegwischen musste. Die insgesamt zwölf Tracks von «re:member» sind eine einzigartige Sammlung an persönlichen Geschichten, gepaart mit neuartiger Technologie und dem Bild der vereisten Landschaft Islands, welches stets im Hinterkopf herumgeistert.

Konzerttipp: Ólafur Arnalds präsentiert sein neues Album live am Mittwoch, 17. Oktober 2018 im Volkshaus Zürich.

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